Einblicke...
Ein Tag bei der HSG Blomberg-Lippe- Nichts geht über Schnelligkeit - Voraussetzungen und Fähigkeiten
1. Das Tempospiel der HSG Blomberg-Lippe
Nach dem Abstieg der HSG Blomberg-Lippe aus der 1. Bundesliga im Jahr 2002, galt es mit wirtschaftlich recht begrenzten Mitteln einen Neuaufbau verbunden mit einer wirtschaftlichen Konsolidierung im Unterhaus zu beginnen. Der Verlust erfahrener, aber zumeist auch teurer Spielerinnen nach dem Abstieg, sollte durch die mittelfristige Entwicklung junger Talente kompensiert werden.
Das Konzept war natürlich genau so wenig neu, wie der Weg, der letztlich die sportlichen Ziele erreichbar machen sollte. Ungewöhnlich waren vielleicht die Konsequenz, Beharrlichkeit und der Aufwand mit dem wir diesen Weg beschritten haben.
Ohne die erfahrene und durchschlagskräftige Rückraumreihe musste fast zwangsläufig ein "neues" Spielsystem entwickelt werden, das weniger auf den individuellen Fähigkeiten einzelner Spielerinnen basierte, sondern vielmehr das Mannschaftsspiel in den Vordergrund rückte. Da die neu formierte Mannschaft gerade bei der Durchschlagskraft mit Würfen aus der zweiten Reihe Schwächen hatte, versuchten wir aus einer aggressiven, offensiv gestaffelten Abwehr zu möglichst vielen "einfachen Toren" in der ersten und zweiten Phase zu kommen. Dass die Personalpolitik, einer sehr jungen, hungrigen Mannschaft eine Chance zu geben, uns beim heimischen Publikum durchaus Sympathien einbrachte und das System sich auf die Attraktivität des Spiels sehr positiv auswirkte, waren eher - allerdings sehr willkommene - Nebeneffekte. Mit der Gründung unserer Internatswohngruppe und einem Trainingsaufwand annähernd unter Erstligabedingungen (sechs bis sieben Trainingseinheiten pro Woche) verschafften wir jungen Spielerinnen die notwendigen Rahmenbedingungen und Möglichkeiten zur Entwicklung und Leistungssteigerung sowie der Mannschaft Vorteile gegenüber vielen Konkurrenzvereinen in der zweiten Liga.
Dazu koppelten wir die mit dem gleichen Konzept spielende weibliche A-Jugend eng an die Bundesligamannschaft an. Sie spielt unter ähnlich hohen Trainingsumfängen das gleiche Konzept.
Durch die hohe Durchlässigkeit im Spiel- und Trainingsbetrieb gelang vielen Talenten der frühe Sprung in den Zweitligakader.
Zusätzlich bekommen die jungen Handballerinnen Spielanteile in der A-Jugendmannschaft, wo sie als Führungsspielerinnen mehr Verantwortung und das Spiel tragen müssen.
Rückraumspielerin Nadja Nadgornaja, mit 16 Jahren noch im B-Jugendalter, erzielte beispielsweise gleich in ihrem ersten Jahr 90 Treffer in der 2. Bundesliga und wurde gleichzeitig Deutscher Vizemeister mit der weiblichen A-Jugend. Torhüterin Natalie Hagel avancierte ebenfalls mit 16 zur Stammkeeperin im Zweitligateam und gelang über DHB-Jugend- und Juniorinnenauswahl zu ihren ersten A-Länderspieleneinsätzen. Vor dieser Torhüterin, die ihre Stärken eindeutig im Spiel "Eins gegen Eins" hat, formierten wir eine auf Ballgewinn ausgerichtete, laufstarke 3:2:1- bzw. 5:1-Abwehr, die sich nach und nach den Ruf erwarb, jeden Fehler des Gegners zu bestrafen.
Besonders über die erste und zweite Phase, aber natürlich auch über ein kombinationsreiches Angriffsspiel, stellten wir in den folgenden Serien ständig eine der torhungrigsten Angriffsreihen. Obwohl das manchmal sicher auf Kosten des mehr auf Ballgewinne, als auf Tore verhindern ausgerichteten Abwehrspiels ging.
2. Wie sieht das taktische Konzept aus?
Das Spielkonzept der HSG Blomberg-Lippe beruht in der zweiten Phase nicht auf festgelegten Kombinationen. Stattdessen spielen wir aus einem einfachen oder langen Kreuzen auf den Rückraumpositionen oder dem Einlaufen von den Außenpositionen als Auslösehandlungen situationsabhängig und möglichst kreativ weiter.
Grundlagen sind neben der Bereitschaft möglichst über die komplette Spielzeit ein hohes Tempo zu gehen, schnelle Umschaltfähigkeit, hohe technische Fertigkeiten, eine große Ballsicherheit, gute Spielübersicht sowie Torgefährlichkeit auf möglichst allen Positionen.
3. Welchen Anteil am Training hat das Tempospiel in der Woche?
Um diese Qualitäten zu trainieren ist das Tempo- und Konterspiel mindestens einmal pro Woche Schwerpunkt einer Trainingseinheit. Ergänzt wird das durch eigentlich in jeder Einheit immer wiederkehrende Spiel- und Übungsformen zur Schulung unterschiedlicher notwendiger Fähigkeiten und Fertigkeiten. So stehen an nahezu jedem Trainingsabend Übungen zum Schnelligkeitstraining, fast immer in spielerischer Form (Fang- und Abschlagspiele, Staffeln) auf dem Programm.
Hinzu kommen Übungsformen zur Ballsicherheit und Balltechnik (z.B. schnelles Passen und Ballannahme in der vollen Bewegung, Spielen in Überzahlsituation unter Nutzen der Spielfeldbreite und -tiefe, Passen unter Druck des Gegners sowie physischer und psychischer Belastung). Spielformen, Wettspiele, Wettbewerbe und spielnahe Übungsformen sollen für eine hohe Motivation und Spaß im Training sorgen. Beispielsweise spielen wir Basketball im erweiterten Aufwärmteil der Trainingseinheit mit "schneller Mitte", um auch hier das Tempo zu forcieren, Bereitschaft zum schnellen Umschalten zwischen Abwehr und Angriff (natürlich auch umgekehrt!) einzufordern.
Trainiert wird häufig mit sehr hoher Intensität. Natürlich spielt dabei der Wechsel von Belastung und Erholung eine wichtige Rolle, um die Spielerinnen physisch nicht zu überfordern. Außerdem sind regelmäßige Einheiten mit dem Schwerpunkt Stabilisation und Koordination zur Verletzungsprophylaxe unerlässlich.
4. Das Spielkonzept und die Personalplanung...
Auch wenn wir uns gerade bei engen Spielen gegen gleichstarke Mannschaften oft die erfahrene, individuell herausragende Spielerin gewünscht haben, die letztlich den Ausschlag zu unseren Gunsten geben könnte, sind wir uns bei der Personalplanung weitgehend treu geblieben. Verpflichtet wurden zumeist engagierte Spielerinnen, die die Qualitäten jung, schnell, beweglich und dynamisch erfüllten.
Voraussetzung ist außerdem eine klare persönliche Zielstellung der jungen Talente. Nur mit dem deutlich formulierten Wunsch, leistungsmäßig und möglichst hochklassig Handball zu spielen, ist der sicherlich enorme Zeit- und Trainingsaufwand auf Dauer - mit Spaß und Freude - zu bewältigen.
5. Perspektiven des HSG Blomberg-Lippe Tempospiels...
Für den Verein führte das Konzept überraschend schnell zum Erfolg. Nachdem wir vier Jahre mit der jüngsten Mannschaft zu den dominierenden Teams in der zweiten Liga gehörten (zwei zweite und ein dritter Plätze), gelang uns 2006 etwas überraschend die Meisterschaft in der 2.Bundesliga und in der Play-Off-Runde etwas unplanmäßig der Sprung zurück in die Eliteklasse.
Der wirtschaftlich enge Rahmen erlaubte uns auch nach dem Aufstieg keine spektakulären Zugänge. Auch wenn wir ein Trio aus dem erweiterten Kreis der holländischen Nationalmannschaft verpflichten konnten, blieben wir unserer Vereins- und Spielphilosophie weitgehend treu. Bei den Zugängen vertrauten wir erneut ehrgeizigen Spielerinnen, deren Entwicklung noch längst nicht abgeschlossen ist.
Allerdings war uns auch vorher klar, dass es mit der jungen, immer noch vergleichsweise unerfahrenen Mannschaft und dem risikoreichen Spiel in der ersten Liga sehr schwer werden würde, die Klasse zu halten. Ein sofortiger Abstieg konnte und kann zumindest nicht ausgeschlossen und muss bei der mittelfristigen Planung des Vereins durchaus einkalkuliert werden.
Die Erstligisten sind uns an Routine, aber auch an Ballfertigkeit und Athletik häufig überlegen. Die Mannschaften von Bayer Leverkusen oder der HC Leipzig sind sicher Vorbild in Sachen Tempospiel.
Auch unsere Abwehrformation muss sich an die gesteigerten Anforderungen im Oberhaus erst einmal anpassen.
Die Folge waren weitaus weniger einfache Ballgewinne und daraus resultierende Kontertore. Im Gegenteil: Zu Serienbeginn fehlte unserer Defensive die notwendige Stabilität, um die zumeist individuell überlegenen Gegner ausreichend aufzuhalten.
In der ersten Saisonhälfte wechselten sichdenn auch hohe Niederlagen mit einigen Erfolgserlebnissen gegen gleichstarke Gegner aus der unteren Tabellenhälfte ab.
Um sich fest im Konzert der Großen etablieren zu können, bedarf es aber sicher weiter verbesserten Trainingsmöglichkeiten und der notwendigen Zeit für die Entwicklung der jungen Spielerinnen.
Allerdings verfolgen wir kontinuierlich unser Ziel weiter, möglichst viele Spitzentalente auszubilden, die sich mit der Spielweise und mit dem Spielkonzept im modernen Handball durchsetzen können.







